Woher ich alles habe

Ich habe es von Stanisław Lem, von dem metallischen Gestrüpp auf Regis III.

Ich habe es von dem Gravitationsanker, an dem ein havariertes Raumschiff seit Generationen Stück um Stück Richtung Erde geschleppt wird, ohne dass wer an Bord noch wüsste, was das genau ist, der Heimatplanet.

Ich habe es vom Wechsel von der mechanischen zur Kugelkopfschreibmaschine, vom Wechsel zur Typenrad-Schreibmaschine, von der Schönheit der Typenräder, von meiner ersten Schreibmaschine mit Display und Speicher, von einem Vehikel und von dem nächsten.

Ich habe es vom schwarzen Bildschirm, auf dem erschien, was ich tippte, von neuen Sprachen, von Zeichen und Wörtern und Kombinationen, die ich benutzte und sah, dass sie etwas bewirkten.

Ich habe es von meinem ersten tragbaren Rechner, der aussah wie ein altes Kofferradio, von seinen hellen Buchstaben auf blauem Grund.

Ich habe es von den blöden Umfragen, was der Computer für das Schreiben des Schriftstellers bedeutet, von Gabriel García Márquez und seiner Antwort, er könne seitdem länger schreiben und habe keine Rückenschmerzen mehr.

Ich habe es von Jens vom Chaos Computer Club, von seinem Zimmer in Hamburg, wo es 1990 schon aussah wie in dem Klischee, nur viel schöner.

Ich habe es von Bill Gates, Gestalt einer einfachen Zeit.

Ich habe es von Freunden, denen ich sagte, die biologische Evolution ist am Ende, wir werden die Erde verlassen als Zivilisation von Maschinen.

Ich habe es von dem Schweigen der Freunde vor dieser Art Optimismus.

Ich habe es von freundlichen alten Sagen, Prometheus, Pandora, von der Zähmung des einen wie des anderen Feuers und, dass es dieser Tage endlich weiter geht mit uns, vom Rausch, von der Angst, von der Melancholie.

Demeters andere Tochter


für Karla Christina


Sie ist es, scheut nicht den Winter,
was Blatt war, das fällt ins Bodenlose,
sie ist es – der große Graphiker
schraffiert mit dem Stift die Gründe,
setzt wenige Lichter noch auf
dem Traufenden oder dem Fluss –
sie ist es, ändert den Lauf,
lässt blühen noch jenseits des Efeus,
von dem sich der dunkle Vogel nährt,
sie ist es, das Grau aufgewogen
und alles wie neu in dem Licht,
das ist ihrer Hände Wirken.

aus: Imago, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2020

Woher ich alles habe

Wie das Wasser

Ich sah, wie das Wasser im Flussbett sich wölbte,
sah, wie geringe Wellen sich trafen zu Mustern,
ich sah alle Arten von Vögeln tauchen nach Fisch,
ich sah, wie die Brücke im Nebel sich spannte,
sah sie in ihrem treuen Tun, die Arbeiterin,
verstand ihren alten und schönen Gedanken.

Ich sah eine Brise kommen, ihr Spiel mit dem Fluss,
auffrischende Winde strähnten das Wasser,
ich sah zu dem Schloss, der Terrasse, dem Grabmal
des Lebensfreundes, den auch ich sehr vermisste,
ich grüßte den Weinberg, das Handwerk des Winzers,
ich sah, wie das Wasser mit der Erinnerung fortzog.

aus: Das Alter der Elbe, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026

Abel

aus: Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943. Kösel-Verlag München, Vierte Auflage 1990

Wir leben

Wir leben in den Räumen
zwischen den Klopfzeichen der Toten,
zwischen ihren Chiffren
in unseren Worten
und ihren ehernen Namen,
unter ihren Signalen auf Halbmast.
Wir leben, gekrümmte Lettern,
Schlangen und Salamander.
Die Toten wohnen tiefer
und, schlagen wir sie heraus,
aufrecht noch im Pflasterstein.
Unser schiefer, fragender Gang
auf ihrem Chorsatz.

Aus: Vineta. Gedichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998

O Gott

aus: Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943, Kösel-Verlag München, 4. Auflage 1990

Verfolgungswahn

Statt des Geldbriefträgers kommt der Mond
vom Friedrichshain. Statt der Liebe tritt
der wackere Sankt Georg aus der Ecke,
fremd, unbekannt ohne sein Kreuz.
Statt der Krokusse, der zarten Frühlingstöne,
rast der Schlitten auf der Todesbahn.
Statt des Planschbeckens für die Enkel
steht das Leninmonument im Garten.

Aus: Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Sternsucher

Der, hör ich, nachts aus dem Haus geht
und, seh ich, hoch in den Himmel schaut,
den, weiß ich, eine sehr gerne mal träfe,
doch, sagt sie, so wie es aussieht,
der, klagt sie, schaut doch immer nur hoch
und, denkt sie, niemals in mein Gesicht.
So, mein Freund, findest du nie deinen Stern.

Aus: Vineta, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998

Das Kind

Bin wieder Kind geworden mit den Jahren,
hab keinen Anteil an der großen Welt,
hocke in einem abgelegenen Garten
und staune, dass der Regen fällt.
Die Leute draußen denk ich mir zu Liebespaaren,
und obendrein verdienen sie sich Geld.
Meins ist, ich liebe, auf die Sterne warten,
kann sein, dass einer in mein Hemd rein fällt.

Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Termine

17. Februar 2026
“Wo sind wir, was wir sind” Zu Ehren Rolf Bosserts.
Podiumsgespräch mit Ernest Wichner, Carmen-Francesca Banciu, Noémi Kiss und Jan Koneffke (Moderator).
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kronenstraße Berlin

21. März 2026
Buchpremiere “Das Alter der Elbe”, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig

11. April 2026
Dresdner Buchpremiere “Das Alter der Elbe”, Bibliothek Laubegast

11. Mai 2026
Lesung bei Wist – Der Literaturladen, Potsdam