Den Stichlingen nah,
hockend am klaren Bach.
Den Wellen im Sand nah,
aufklaffenden großen Muscheln,
dem leuchtenden Inneren
verbliebener Schalen.
Den schwärzlichen Resten
von Blättern und Zweigen
nahe am Ufer, der seltenen
Wasserschlange nah
im Schilf, dem Schilf nah,
Seerosen so nah
mit den Beinen
wie nie mehr im Leben.
Ursprung der Nähe
Woher ich alles habe
Wir leben
Wir leben in den Räumen
zwischen den Klopfzeichen der Toten,
zwischen ihren Chiffren
in unseren Worten
und ihren ehernen Namen,
unter ihren Signalen auf Halbmast.
Wir leben, gekrümmte Lettern,
Schlangen und Salamander.
Die Toten wohnen tiefer
und, schlagen wir sie heraus,
aufrecht noch im Pflasterstein.
Unser schiefer, fragender Gang
auf ihrem Chorsatz.
Aus: Vineta. Gedichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998
O Gott
aus: Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943, Kösel-Verlag München, 4. Auflage 1990
Verfolgungswahn
Statt des Geldbriefträgers kommt der Mond
vom Friedrichshain. Statt der Liebe tritt
der wackere Sankt Georg aus der Ecke,
fremd, unbekannt ohne sein Kreuz.
Statt der Krokusse, der zarten Frühlingstöne,
rast der Schlitten auf der Todesbahn.
Statt des Planschbeckens für die Enkel
steht das Leninmonument im Garten.
Aus: Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019
Das Kind
Bin wieder Kind geworden mit den Jahren,
hab keinen Anteil an der großen Welt,
hocke in einem abgelegenen Garten
und staune, dass der Regen fällt.
Die Leute draußen denk ich mir zu Liebespaaren,
und obendrein verdienen sie sich Geld.
Meins ist, ich liebe, auf die Sterne warten,
kann sein, dass einer in mein Hemd rein fällt.