Interview im Juni

Wissen Sie, ich lebe ja nicht nur

in der Gegenwart. Jeden Tag

gewinne ich ein paar Jahre hinzu,

ein paar bis eben unbekannte Jahre,

gewinne, die mich begleiten,

auch von den sprechenden Toten.

Mal sitze ich mit Petrus am Feuer

draußen, drinnen ertönt Geschrei.

Mal schaue ich Reichsgraf von Sporck

über die Schulter, wie er dem August

aus Sachsen das Geld abnimmt.

Mal steht Vergil an der Gartenpforte,

mal stellt die Sibylle sich ein.

Sie wissen, es gibt auch Erfundene.

Und es gibt den unbekannten Gott.

Mal sind es – sie wüssten es, lesend –

die drei, meine Söhne, geboren

in dem endlosen Jahrhundert,

ihr fragender Blick bei dem Anfang,

mein Fortgehen. – Und Dank sei

den Freunden, die Asche des einen

seit Mai in der Nordsee vor Büsum,

des anderen im Stettiner Haff seit Juni.

Brancusi in Berlin

Die feinen Münder der Musen.

Sehr große Kiesel, dass sie die Blinden berühren.

Leda selbander im dunklen Gedreh.

Und Vögel von noch ungewisser Art.

Wer soll das glauben

Wer soll das glauben, das frische Grün an den Zweigen,
die Sonne zieht heiter herauf.
Wer soll das glauben, zur Frühe läuten die Glocken,
schon tuten sich Dampfer zu.
Wer soll das glauben, der Himmel ist makellos blau,
die Lerchen verschenken Lieder.
Wer soll das glauben, wir schauen vom Weinberg ins Land
und lachen, die Welt gehört uns.
Wer soll das glauben, es wird auch bald Regen geben,
im Garten wird alles gedeihen.
Wer soll das glauben, die Samen, die treiben im Wind,
künden von Dauer.

aus: DAS ALTER DER ELBE, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026

Woher ich alles habe

Woher ich alles habe

aus DAS ALTER DERT ELBE, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026

Verfolgungswahn

Statt des Geldbriefträgers kommt der Mond
vom Friedrichshain. Statt der Liebe tritt
der wackere Sankt Georg aus der Ecke,
fremd, unbekannt ohne sein Kreuz.
Statt der Krokusse, der zarten Frühlingstöne,
rast der Schlitten auf der Todesbahn.
Statt des Planschbeckens für die Enkel
steht das Leninmonument im Garten.

Aus: Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Das Kind

Bin wieder Kind geworden mit den Jahren,
hab keinen Anteil an der großen Welt,
hocke in einem abgelegenen Garten
und staune, dass der Regen fällt.
Die Leute draußen denk ich mir zu Liebespaaren,
und obendrein verdienen sie sich Geld.
Meins ist, ich liebe, auf die Sterne warten,
kann sein, dass einer in mein Hemd rein fällt.

Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Termine

30. Juni 2026
“Petrus und die Magd” Vortrag im Rahmen der Reihe TUGEND UND SÜNDE
Haus am Dom Frankfurt am Main

4. Juli 2026
“Sommerleseabend – Neues literarisches Schaffen in Sachsen”
gemeinsam mit Thomas Böhme, Daniela Danz, Róža Domašcyna, Michael G. Fritz, Angela Krauß, Volker Sielaff und Anna Zepnick
Erich-Kästner-Haus Dresden

31. Juli 2026
“Woher ich alles habe”
Lesung im Rahmen der Ausstellung Helge Leiberg
Orangerie Putbus, Insel Rügen