An einem rosaroten Schweineband
(auch Hundeleine, Draht und Zugzwang)
durchfiel ich eine ferne Zeit,
und unerhört die Mischung:
Schweigepflicht und süße Gurken
mit Belag aus toten Witzen jener
Angehöriger der Anhangsdrüsen
von Organen. Mein feines Sinnen
von den Wurzeln her – nie unter-
brochner Strom. Ich rage in das Dunkel
aus. Mein Weg ist Klang, Sang,
knappe Fügung, Bruch und stummes
Hohlwegzeichen, spielerischer
Wörtleinwimpel reich Gefilde, Schein
von Fernen auf dem Glücks-
Betonhof. Subversions-Spektakel
inszenieren fette, schwule, ab-
gewichste Streuner, Schieber,
Aftersänger, mehr und mehr
der Mauersucht Delirien sanfter
Freude abgewinnend. Meine Wurzeln
ragen in das Dunkel Sprache,
schöne feuchtgrün untre Kindheit,
Mutterhintern, rauhe Haut, das
nur Sprache, mittelmeerisch, anden-
grabensch, Frischimport tektonisch
junger Zonen, das nur Sprache vor
dem Ausbruch, Beben in dem scheinbar
geodätisch angepflockten deutschen
Zuchtforst, das nur Sprache,
Wehe und Schrei und kicherndes Kind.
für Hans-Jürgen Scheib
Wer soll das glauben
Wer soll das glauben, das frische Grün an den Zweigen,
die Sonne zieht heiter herauf.
Wer soll das glauben, zur Frühe läuten die Glocken,
schon tuten sich Dampfer zu.
Wer soll das glauben, der Himmel ist makellos blau,
die Lerchen verschenken Lieder.
Wer soll das glauben, wir schauen vom Weinberg ins Land
und lachen, die Welt gehört uns.
Wer soll das glauben, es wird auch bald Regen geben,
im Garten wird alles gedeihen.
Wer soll das glauben, die Samen, die treiben im Wind,
künden von Dauer.
aus: DAS ALTER DER ELBE, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026
Woher ich alles habe
Wir leben
Wir leben in den Räumen
zwischen den Klopfzeichen der Toten,
zwischen ihren Chiffren
in unseren Worten
und ihren ehernen Namen,
unter ihren Signalen auf Halbmast.
Wir leben, gekrümmte Lettern,
Schlangen und Salamander.
Die Toten wohnen tiefer
und, schlagen wir sie heraus,
aufrecht noch im Pflasterstein.
Unser schiefer, fragender Gang
auf ihrem Chorsatz.
Aus: Vineta. Gedichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998
Woher ich alles habe
aus DAS ALTER DERT ELBE, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026
Verfolgungswahn
Statt des Geldbriefträgers kommt der Mond
vom Friedrichshain. Statt der Liebe tritt
der wackere Sankt Georg aus der Ecke,
fremd, unbekannt ohne sein Kreuz.
Statt der Krokusse, der zarten Frühlingstöne,
rast der Schlitten auf der Todesbahn.
Statt des Planschbeckens für die Enkel
steht das Leninmonument im Garten.
Aus: Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019
Das Kind
Bin wieder Kind geworden mit den Jahren,
hab keinen Anteil an der großen Welt,
hocke in einem abgelegenen Garten
und staune, dass der Regen fällt.
Die Leute draußen denk ich mir zu Liebespaaren,
und obendrein verdienen sie sich Geld.
Meins ist, ich liebe, auf die Sterne warten,
kann sein, dass einer in mein Hemd rein fällt.