Das Maisfeld liegt schon kahl.
Die Stare sind noch hörbar da.
Das Blau vom Büschelschön, Phacelia,
ein weiter Schlag gehört den Bienen.
Am Feldrain Flachs, vereinzelt
seine reinen Blüten.
Wo ich mich niedersetze
und mein Buch aufschlage,
segelt ein Kolk mit rauem Ruf vorüber.
Unweit im Pferch paar große Schafe
hinterm meterhohen Zaun.
Das Hochland teilen wir
mit einem Rudel Wölfe.
Feiertag
Das unverständliche Gedicht
Ich muss jetzt doch das unverständliche Gedicht
aufschreiben, denn schon viel zu viele Vorgänger
des einen unverständlichen Gedichtes wurden
als solches angesprochen, yes!
Es selbst führt, wenn auch Teil von mir, sein Eigenleben.
Es selbst bestimmt, was ich der Mitwelt als von mir
bestimmt verkaufe, doch ist damit beinah nichts
gesagt. Mehr sag ich, hoff ich, jetzt.
Sein Kommen angekündigt hatte A., die kleine
Mitschülerin, der ich zwei lange Jahre haltlos
verfallen war in einem Maß, von dem kein andrer
’ne Ahnung hatte. Ich war schüchtern.
Sie selbst, kann sein, wusste aus meinem Nuscheln mehr,
nur langte es nicht mal zu einem kurzen Kuss,
noch nicht einmal, als wir gemeinsam Schule schwänzten,
(ein Tag mit Glücksstern).
Ich bitte, hier noch nicht zu fragen. Das unverständ-
liche Gedicht war nicht an einem Tag gedichtet,
genaugenommen nie. Man seh mir nach, wenn hier
ein Bild halb passt: Geburt –
das unverständliche Gedicht war einfach da.
Es war so schwarz wie die zum Glück vergessnen Träume.
Es kam aus Tiefe und aus Nichts und schrie sein „Ich“!
Ich, sprachlos, habe nur gespurt.
Ich dachte nicht. Zu atmen, herzuhalten reichte.
Ich folgte, Nacht um Nacht, so wie ein Masochist
der oder dem Vergötterten. Ich staunte an
und tat am Tag darauf normal.
Die lächerliche Macht hat es manchmal zensiert,
manch einer sprach es heimlich mit und ahnte nicht,
dass solches sich nur selbst aussprechen kann aus uns.
(Male, Nikala, mal!)
Verstanden wird naturgemäß – und wurde – nie.
Der Singsang geht so fort, wenn einmal angefangen,
Verhältnisse sind ihm egal, man frage mich,
nicht das Gedicht nach Börsenkursen.
Die Verse sprießen, ob geackert wird, ob nicht,
sie feiern Fortschritt oder Weltenuntergang
am liebsten ganz, Grabrede oder Hochzeitssegen,
abstrus am Busen des Absurden.
Lässt sich das nicht auch anders sagen, fragt die Gretel,
ein Hans findet es abgedroschen, hergebracht,
sitzt fickerig auf seinem eignen Verse-Nest,
was nur verständlich ist.
Es hilft mir nicht und auch nicht dir, mein blasser Freund,
was wir hier treiben, ist das ältere Gewerbe.
Nur Mund sind wir und gehen wieder auf und sagen,
was unverständlich ist.
Holzmarkt, 18. Januar 2001
aus: DIE FARBEN DES WASSERS, Frankfurt am Main 2001 © Uwe Kolbe
Der Zwischenraum
Es gibt ein Leben still wie das der stillen Tiere,
achtsam, einander nicht den Weg zu nehmen.
Viel Raum der Welt leert sich hinaus ins All
und sieht dabei blutrot aus wie das letzte Licht.
Die meisten Menschen leben in der Suppenschüssel,
derweil die stillen Tiere in ihrem Zwischenraum
behaupten die Natur, als wär’s ein anderer,
nicht dieser kipplige Planet.
aus: Die sichtbaren Dinge, poetenladen Leipzig 2019
Loschwitzer Sommer
aus: Das Alter der Elbe, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026
Woher ich alles habe
Woher ich alles habe
aus DAS ALTER DERT ELBE, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026
Verfolgungswahn
Statt des Geldbriefträgers kommt der Mond
vom Friedrichshain. Statt der Liebe tritt
der wackere Sankt Georg aus der Ecke,
fremd, unbekannt ohne sein Kreuz.
Statt der Krokusse, der zarten Frühlingstöne,
rast der Schlitten auf der Todesbahn.
Statt des Planschbeckens für die Enkel
steht das Leninmonument im Garten.