Heute Vergil vorbeigekommen,
erkannte ihn am Borsalino,
am Blitzen der hellen Augen
aus dunkel gebräuntem Gesicht.
Er klopfte mit seinem Ulmenstab
an meine Türe und fragte,
ob wohl etwas Wasser zu haben.
Ich reichte ihm einen Becher
und füllte ihm ein aus dem Krug,
es fiel auch eine Zitronenscheibe
hinein, Vergil mochte es.
Mit ihm die wehenden Wolken,
das Mahlwerk der Himmelsmühle,
der sah, was die große Sibylle sah,
schmunzelte in meinen Garten,
schien Gurken und Dill gewogen,
und wie er ging, bekam sein Blick
den Farbton von Vergissmeinnicht.
Am Klettenstieg
Róža Domašcyna: Hingang
aus: Róža Domašcyna, Zaungucker. gedichte – texte, Januspress/BasisDruck, Berlin 1991
Der Zwischenraum
Es gibt ein Leben still wie das der stillen Tiere,
achtsam, einander nicht den Weg zu nehmen.
Viel Raum der Welt leert sich hinaus ins All
und sieht dabei blutrot aus wie das letzte Licht.
Die meisten Menschen leben in der Suppenschüssel,
derweil die stillen Tiere in ihrem Zwischenraum
behaupten die Natur, als wär’s ein anderer,
nicht dieser kipplige Planet.
aus: Die sichtbaren Dinge, poetenladen Leipzig 2019
Woher ich alles habe
Woher ich alles habe
aus DAS ALTER DERT ELBE, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026
Verfolgungswahn
Statt des Geldbriefträgers kommt der Mond
vom Friedrichshain. Statt der Liebe tritt
der wackere Sankt Georg aus der Ecke,
fremd, unbekannt ohne sein Kreuz.
Statt der Krokusse, der zarten Frühlingstöne,
rast der Schlitten auf der Todesbahn.
Statt des Planschbeckens für die Enkel
steht das Leninmonument im Garten.