Woher ich alles habe

Ich habe es von Luci Tapahonso, vom Navajo-Wort, das die Türen aufschließt.

Ich habe es vom Rio Grande, von der Frau im Pueblo, die ihr Haus mit den Händen verputzt.

Ich habe es vom Colarado River, von Mesa Verde, von der Herkunft des Menschen aus heiligem Grund.

Ich habe es von Tatanka Yotanka, von der Schlacht am Little Big Horn, dem größten Ding meiner Kindheit.

Ich habe es vom Kino Colosseum, von Gojko Mitić, da ging ich schon in die Klasse mit erweitertem Russischunterricht, wie er auf seinem Schecken erschien, stolz auf dem Rücken der Berge.

Ich habe es von dem Wechsel, Gojko ritt nun statt Pierre Briece in Bad Segeberg, alles Theater.

Ich habe es von Karolis Dionyzas Bučinskis, dem Halbblut aus Ehrenfeld, Pennsylvania.

Ich habe es von Niemand, der William Blake an Kindes statt annimmt, viel Lachen, am Ende fährt der Adoptivsohn im Kanu auf den Ozean hinaus, in die Ewigkeit.

Ich habe es, so ist es, nur von der Macht der Bilder, nur von der Kunst, niemandem ist es vergönnt, hinab in die Tiefe zu dringen, ehe vom Baume den golden belaubten Zweig er sich pflückte.

Ich habe es von dem Volk, das in der Unterwelt nicht glücklich war, sie baten das Erdhörnchen um Hilfe, weil es weiß, wie man Bäume pflanzt, versucht wurden Pinie und Fichte, am Ende half Bambus, im Rohr eine Wendeltreppe, nun sah ich das ganze Volk Beine baumeln im Licht, bevor wer den Mais aus der Tasche kramte und zu säen begann.

Ich habe es von dem Prinzen, der wusste vom Wilden Mann, wo der Schlüssel zur Freiheit lag.

Demeters andere Tochter


für Karla Christina


Sie ist es, scheut nicht den Winter,
was Blatt war, das fällt ins Bodenlose,
sie ist es – der große Graphiker
schraffiert mit dem Stift die Gründe,
setzt wenige Lichter noch auf
dem Traufenden oder dem Fluss –
sie ist es, ändert den Lauf,
lässt blühen noch jenseits des Efeus,
von dem sich der dunkle Vogel nährt,
sie ist es, das Grau aufgewogen
und alles wie neu in dem Licht,
das ist ihrer Hände Wirken.

aus: Imago, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2020

Sonntagmorgen

Der Nebel des gestrigen Tages
ist Rauhreif geworden
auf Hecke und Weide und Weg.
Ein Heiliger oder ein Sünder
geht nach der durchwachten Nacht
mit tränenden Augen vorüber,
bevor die Sonne heraufkommt,
ihr Gold in die Welt gießt
vom flachen Geestrücken her.

aus: Heimliche Feste, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008

Anfangs klagend

Das Gehen war nicht ganz genau
das Gehen, wo er ging, er war
nicht ganz genau da, wo er war,
die Krähen ja, laut wie gewohnt,
und wie gewohnt stand etwas viel
vom Menschen da, da draußen.
Der junge Gott des neuen Jahrs
war nicht der alte, große Gott,
doch liehen, schien es, beide
dem schon etwas gebrauchten
Wort, das noch brauchbar war,
ihre erlauchten Ohren.

aus: Imago, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2020

Woher ich alles habe

Wie das Wasser

Ich sah, wie das Wasser im Flussbett sich wölbte,
sah, wie geringe Wellen sich trafen zu Mustern,
ich sah alle Arten von Vögeln tauchen nach Fisch,
ich sah, wie die Brücke im Nebel sich spannte,
sah sie in ihrem treuen Tun, die Arbeiterin,
verstand ihren alten und schönen Gedanken.

Ich sah eine Brise kommen, ihr Spiel mit dem Fluss,
auffrischende Winde strähnten das Wasser,
ich sah zu dem Schloss, der Terrasse, dem Grabmal
des Lebensfreundes, den auch ich sehr vermisste,
ich grüßte den Weinberg, das Handwerk des Winzers,
ich sah, wie das Wasser mit der Erinnerung fortzog.

aus: Das Alter der Elbe, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026

Abel

aus: Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943. Kösel-Verlag München, Vierte Auflage 1990

Wir leben

Wir leben in den Räumen
zwischen den Klopfzeichen der Toten,
zwischen ihren Chiffren
in unseren Worten
und ihren ehernen Namen,
unter ihren Signalen auf Halbmast.
Wir leben, gekrümmte Lettern,
Schlangen und Salamander.
Die Toten wohnen tiefer
und, schlagen wir sie heraus,
aufrecht noch im Pflasterstein.
Unser schiefer, fragender Gang
auf ihrem Chorsatz.

Aus: Vineta. Gedichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998

O Gott

aus: Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943, Kösel-Verlag München, 4. Auflage 1990

Verfolgungswahn

Statt des Geldbriefträgers kommt der Mond
vom Friedrichshain. Statt der Liebe tritt
der wackere Sankt Georg aus der Ecke,
fremd, unbekannt ohne sein Kreuz.
Statt der Krokusse, der zarten Frühlingstöne,
rast der Schlitten auf der Todesbahn.
Statt des Planschbeckens für die Enkel
steht das Leninmonument im Garten.

Aus: Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Sternsucher

Der, hör ich, nachts aus dem Haus geht
und, seh ich, hoch in den Himmel schaut,
den, weiß ich, eine sehr gerne mal träfe,
doch, sagt sie, so wie es aussieht,
der, klagt sie, schaut doch immer nur hoch
und, denkt sie, niemals in mein Gesicht.
So, mein Freund, findest du nie deinen Stern.

Aus: Vineta, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998

Das Kind

Bin wieder Kind geworden mit den Jahren,
hab keinen Anteil an der großen Welt,
hocke in einem abgelegenen Garten
und staune, dass der Regen fällt.
Die Leute draußen denk ich mir zu Liebespaaren,
und obendrein verdienen sie sich Geld.
Meins ist, ich liebe, auf die Sterne warten,
kann sein, dass einer in mein Hemd rein fällt.

Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Termine

17. Februar 2026
“Wo sind wir, was wir sind” Zu Ehren Rolf Bosserts.
Podiumsgespräch mit Ernest Wichner, Carmen-Francesca Banciu, Noémi Kiss und Jan Koneffke (Moderator).
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kronenstraße Berlin

21. März 2026
Buchpremiere “Das Alter der Elbe”, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig

11. April 2026
Dresdner Buchpremiere “Das Alter der Elbe”, Bibliothek Laubegast

11. Mai 2026
Lesung bei Wist – Der Literaturladen, Potsdam