Der gelenkte Blick. Tiefurt bei Weimar

Der Blick fällt, er wandert vom Hang
hinunter zum Fluss, der strömt rasch und hell,
als speiste ihn noch der Schnee von den Bergen,

ruht nun auf dem feinen Tempel der Muse,
gelassen lehnt sie am Stein, die Mutter des Orpheus,
wie Epen nachsinnend, den Taten der Helden,

erdacht von antiken Dichtern, zu denen sich spätere
gesellten, späterer Adel, ein kleiner Staat,
der so seine Vorbilder ehrte und allzeit sich selbst.

Der Blick steigt herauf, folgt den Achsen
und Schlägen in ein und ein weiteres Jahrhundert,
streift andere Arten des Menschen zu wohnen,

fällt unter dem Ettersberg auf „Herders Ruh“:
Was wir waren? was wir einst noch werden?
Lass uns eins nur wissen, was wir sind.

Ursprung der Nähe

Den Stichlingen nah,
hockend am klaren Bach.
Den Wellen im Sand nah,
aufklaffenden großen Muscheln,
dem leuchtenden Inneren
verbliebener Schalen.
Den schwärzlichen Resten
von Blättern und Zweigen
nahe am Ufer, der seltenen
Wasserschlange nah
im Schilf, dem Schilf nah,
Seerosen so nah
mit den Beinen
wie nie mehr im Leben.

aus: Das Alter der Elbe, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026

Woher ich alles habe

Wir leben

Wir leben in den Räumen
zwischen den Klopfzeichen der Toten,
zwischen ihren Chiffren
in unseren Worten
und ihren ehernen Namen,
unter ihren Signalen auf Halbmast.
Wir leben, gekrümmte Lettern,
Schlangen und Salamander.
Die Toten wohnen tiefer
und, schlagen wir sie heraus,
aufrecht noch im Pflasterstein.
Unser schiefer, fragender Gang
auf ihrem Chorsatz.

Aus: Vineta. Gedichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998

Verfolgungswahn

Statt des Geldbriefträgers kommt der Mond
vom Friedrichshain. Statt der Liebe tritt
der wackere Sankt Georg aus der Ecke,
fremd, unbekannt ohne sein Kreuz.
Statt der Krokusse, der zarten Frühlingstöne,
rast der Schlitten auf der Todesbahn.
Statt des Planschbeckens für die Enkel
steht das Leninmonument im Garten.

Aus: Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Das Kind

Bin wieder Kind geworden mit den Jahren,
hab keinen Anteil an der großen Welt,
hocke in einem abgelegenen Garten
und staune, dass der Regen fällt.
Die Leute draußen denk ich mir zu Liebespaaren,
und obendrein verdienen sie sich Geld.
Meins ist, ich liebe, auf die Sterne warten,
kann sein, dass einer in mein Hemd rein fällt.

Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Termine

21. März 2026
Buchpremiere “Das Alter der Elbe”, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig

13. April 2026
Dresdner Buchpremiere “Das Alter der Elbe”, Bibliothek Laubegast

11. Mai 2026
Lesung bei Wist – Der Literaturladen, Potsdam

4. Juni 2026
WEGE DURCH DAS LAND Gut Obernfelde, 32312 Lübbecke
gemeinsam mit Nadja Küchenmeister, Nico Bleutge, Ines Berwing